Wie ist es, während einer globalen Pandemie mitten in Kathmandu gestrandet zu sein? Caro, die help to help ehrenamtlich unterstützt, erzählt von ihrem Alltag in "Lockmandu" diesen Spitznamen hat sie der Stadt während der Ausgangssperren gegeben.

Eigentlich war geplant, dass ich im Rahmen meines diesjährigen Nepal-Aufenthalts erneut das MedicalCare Center von help to help in Satrasaya und die Schulen dort besuche wie schon 2018, um aus den Projekten zu berichten. Doch seit Ende März gibt es keinen öffentlichen Nah- oder Fernverkehr – und es wäre bei dem dicht gedrängten Sitzen auch nicht ratsam, derzeit in einen Bus zu steigen. Also verbrachte ich die Zeit in einem Kathmandu, das so ganz anders war, als ich es bislang kannte...

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Leergefegte Straßen in Kathmandu, ein surreal-gespenstischer Anblick (unten auf dem Foto Caro vor dem Naradevi-Tempel im Zentrum von Kathmandu)

The Sound of Lockmandu

Vogelgezwitscher... gelegentliches Glockenläuten vom nahegelegenen Tempel... das sonore Tuten einer Shankha (eine Muschel, die als rituelle Trompete dient, u.a. beim Segensritual, der Puja). Die morgendliche Geräuschkulisse in Kathmandu hat sich zu Beginn der Ausgangssperre sehr verändert. Es ist still wie wohl Jahrzehnte nicht mehr im Herzen von Nepals sonst so quirliger Hauptstadt Kathmandu; so ganz ohne Hupkonzerte, Gedränge und Stimmengewirr. Ganz zu schweigen vom Anblick der gespenstisch leeren Straßen.

Pfffffff - das Zischen des Dampfkochtopfs beim Nachbarn kündigt den morgendlichen Dal Bhat an (Reis, Linsensuppe und Curry). Noch hört man es zischen… Doch vielen Menschen ging nach mehreren Monaten Lockdown das Kochgas aus. Es ist zwar in den Läden noch verfügbar, doch von welchem Geld soll man es kaufen? Die Ersparnisse sind in vielen Haushalten aufgebraucht. Gerade in den Städten und am unteren Rand der Gesellschaft ist die Angst vor Hunger und dem Abstieg in die extreme Armut mindestens genauso groß wie vor dem Coronavirus selbst, wenn nicht größer!

Drei Schritte vor, drei zurück: Es ist einfach nicht fair!

Was mussten die Nepalesen nicht schon alles mitmachen: Bürgerkrieg, Ermordung der Königsfamilie, ein schweres Erdbeben, das etwa 9.000 Todesopfer forderte und das gerade einmal fünf Jahre her ist. Dazu instabile Regierungen, von der keine je hielt was sie versprach. Keine Frage: Krisenerprobt sind die Nepalesen. In der Politik schien man zu sehr mit internen Machtkämpfen, der Provokation von Indien und Eigenlob beschäftigt zu sein, anstatt eine konkrete Strategie für die nächsten Wochen vorlegen zu können.

Für Nepal scheint es in seiner Entwicklung immer drei Schritte vor und wieder drei zurück zu gehen. Die Coronakrise zeigt in einem der ärmsten Länder der Welt sehr rasch ihre unerbittlichen Folgen und Kollateralschäden. Sie hat viele Fortschritte bei der Armutsbekämpfung und Verbesserung der Gesundheit der letzten Jahrzehnte zunichte gemacht! Die Kindersterblichkeitsrate wird steigen.

Viele Läden konnten die Mieten nicht mehr zahlen und mussten dauerhaft schließen; allein im Touristenviertel Thamel sind es 270 Betriebe (Stand Anfang Juli). Die Selbstmordrate stieg landesweit, vom Mt. Everest über das Terai, bis in die entlegenen Ecken von Mustang. Wo Deutschland "klotzt statt kleckert", um durch Hilfsmaßnahmen die Auswirkungen der Coronakrise abzufedern, stehen arme Länder wie etwa Nepal vor dem Abgrund. Der „landlocked“ Himalaya-Staat hat kaum Industrien und kaum Wertschöpfung im eigenen Land. Zudem hat Nepal eine der höchsten Quoten an “Migrant Workers”, also Nepalesen, die etwa in Indien, Malaysia oder den Vereinigten Arabischen Emiraten arbeiten und so die Familien zu Hause finanziell unterstützen. Das fällt natürlich nun zum großen Teil weg, und überhaupt: Viele der sonstigen Hilfsmechanismen funktionieren in einer globalen Pandemie einfach nicht mehr. Deutschland hat zudem kürzlich angekündigt, die bilaterale Entwicklungszusammenarbeit mit Nepal aufzukündigen.

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Selten klarer Anblick auf den Himalaya während des Lockdowns im sonst so staubigen Kathmandu

Lockdown Phase 1: Von Toilettenpapier und Göttern in Italien

Die Regierung hat sehr früh einen strikten Lockdown beschlossen (schon beim zweiten bestätigten Covid-19-Fall). Das sehnsüchtig erwartete “Year of Tourism 2020” wurde abgesagt! Das war eine äußerst bittere Pille für ein Land, das wirtschaftlich so stark auf den Tourismus baut. Viele Geschäftsleute hatten sich verschuldet und mit hohen Einnahmen von den Touristenströmen gerechnet. Und nun kam genau zur Bergsteiger-Hochsaison der Einreisestopp für Touristen. Zusäzlich verließ nach und nach der Großteil von Expats (u.a. Mitarbeiter von großen Nichtregierungsorganisationen), das Land. Es wurde klar, wie viele Jobs dadurch zusätzlich wegfielen – egal ob als Trekking-Guide, Restaurantmitarbeiter, Taxifahrer oder Haushälterin. Wie vielerorts auf der Welt wirkt die Pandemie wie ein Vergrößerungsglas, das viele Ungerechtigkeiten gnadenlos verstärkt und aufdeckt.

“Caro, stimmt es, dass die Leute in deinem Land Klopapier hamstern?” fragten mich nepalesische Freunde im April. Naja, was soll ich sagen... In Nepal hat man sich, sofern man das Geld dazu hatte, mit einem Vorrat an Reis, Linsen und Kochgas eingedeckt ( da man in vielen asiatischen Ländern aber ohnehin nicht an Toilettenpapier glaubt, gab es, was das anging, keinen Engpass). Ab und an war jedoch die Lieferung von frischem Gemüse vom Land in die Städte und auch aus Indien unterbrochen. Doch im Großen und Ganzen waren Lebensmittel verfügbar wenngleich bei zunehmend steigenden Preisen!

Lange schien es, als wäre das Virus höhenkrank und viele Nepalesen wägten sich in Sicherheit. Zudem hatte man ja den Schutz von ganz oben: Spiritualität ist in Nepal omnipräsent, wie an kaum einem anderen Ort. Als Ende März der Lockdown verhängt wurde, ließ es sich die Newari-Gemeinde im Kathmandutal nicht nehmen, beim traditionellen Panchare-Festival die Götter noch einmal nachts auf den Straßen tanzen zu lassen und Opfergaben zu bringen.

“Möge Pashupatinath uns beschützen!” beteten viele und blickten hoffnungsvoll zum heiligsten Hindu-Tempelkomplex Asiens. Die Stätte ist wie ein Schutzpatron für das Land und wurde auch beim verheerenden Erdbeben 2015 wie durch ein Wunder kaum beschädigt.

Als sich im April und Mai abzeichnete, wie verheerend die Corona-Lage in Italien war, fragte mich ein Nachbar aus Kathmandu, ob es in Italien denn keine Götter gäbe, die die Menschen beschützen würden.

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Ein kleiner Shiva-Tempel (Shiva Linga) vor meinem Haus und die Nachbarskinder Priya und Isha bei einem kleinen Straßenrand-Snack

Lockdown Phase 2: Strikte Ausgangssperre und Luxusproblem Lagerkoller

Die Polizei stand überall Patrouille und achtete mit Schlagstöcken bewaffnet auf die Einhaltung der Ausgangssperre. Nur am Morgen und am Abend waren für je zwei Stunden die Geschäfte geöffnet. Viele Tagelöhner sahen sich schon in der ersten Woche des Lockdowns vor einem Abgrund. Wie sollte man die Familie ernähren? Einige Initiativen und teils auch die Regierung verteilten Essenspakete. Zwei Freundinnen halfen mir dabei, auch in meiner Nachbarschaft besonders betroffene zu identifizieren und wir schnürten Essenspakete, damit die Familien durch die gröbste Zeit des Lockdowns kommen würden.

Ich erlebte, wie auch viele meiner Freunde und Bekannten aus der Mittelschicht langsam “auf dem Zahnfleisch daherkamen” und sich die Schlinge der coronabedingten Wirtschaftskrise enger und enger zog. Ein Gefühl von Machtlosigkeit und Traurigkeit machte sich an manchen Tagen breit. Yoga und Meditation halfen, das seelische Gleichgewicht zu erhalten, und nicht zuletzt die allgegenwärtige Grundgelassenheit und Freundlichkeit der Menschen um mich herum. Verständnislos und kopfschüttelnd las ich dagegen im Mai von den Protesten der "Lockdown-Gegner" in Deutschland.

Die indirekten Folgen des Lockdowns waren auf dem "Dach der Welt" sehr rasch spürbar: Da der öffentliche Verkehr (noch immer) lahmgelegt ist, kommen viele Menschen nicht zu Krankenhäusern oder Ärzten. Die Müttersterblichkeitsrate ging um ganze 200% in die Höhe! Viele Ambulanzen weigern sich, Menschen mit Corona-Symptomen überhaupt mitzunehmen, da weder das medizinische Personal noch die Fahrer mit Schutzkleidung ausgestattet wurden. Überhaupt schien die Regierung die durch den Lockdown teuer erkaufte Zeit nicht wirklich genutzt zu haben, um ihre Hausaufgaben zu machen.

Als freiberufliche Kommunikations- und Marketingberaterin kann ich vom Home Office aus weiter meiner Arbeit nachgehen, wenngleich es mir fehlt, manchmal von Cafés und Coworking-Spaces aus zu arbeiten. Aber mir ist auch klar, dass dieser Lagerkoller ein Luxusproblem ist. Ich habe eine Wohnung mit fließendem, sauberem Wasser und die Möglichkeit, “social distancing” zu praktizieren – ganz anders als viele Nepalesen.

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Gemüseeinkauf mit Sajana und Sanju und ein vorbildlich komplettvermummter Gemüsehändler im Hintergrund. Ab Mitte Juni vergrößerte sich der Bewegungsradius und eine kleine Radtour ins Grüne war möglich.

Lockdown Phase 3: Die Jugend rebelliert und der richtige Sturm steht wohl noch bevor

Viele Menschen fangen an, notgedrungen ihre Existenzgrundlagen in Geld umzuwandeln, um zu überleben. Bauern verkaufen ihr Land oder Vieh. Ladenbetreiber versuchen, für ihre Geschäfte neue Besitzer zu finden. Wie man nach der Krise wieder ein Einkommen erwerben soll, bleibt unklar. Vielen Entwicklungs- und Schwellenländern droht eine “Humanitäre Krise” heißt es.

Die Jugend geht derweil im Juni auf die Straßen. Erst in Kathmandu, dann landesweit. Sie fordern, dass endlich flächendeckend und mit vernünftigen Methoden auf Covid-19 getestet wird, also mit den PCR-Tests. Sie machen ihrem Ärger Luft über die vielen Ungereimtheiten aus Regierungskreisen und sind fassungslos darüber, dass der Premierminister den Ernst der Lage nach wie vor zu verkennen scheint, und seine Landsleute dazu aufruft, einfach genug Ingwertee zu trinken.

Der Lockdown ist nun – wenn auch etwas gelockert – im vierten Monat. Nepal zahlt einen sehr hohen Preis. Die durch die Krise gestiegene Armut und der erschwerte Zugang zu medizinischer Versorgung haben schon mehr Menschenleben gekostet, als das Virus selbst und der Trend wird sich fortsetzen. Es fühlt sich an, als ob der größte Sturm erst noch bevorsteht angesichts der stetig steigenden Zahl an Covid-19-Infizierten. Denn die Ausganssperre hat das Probelm ja nur verzögert, nicht gelöst. Vorerst bleibt wohl nur Eines: Händewaschen, Maske tragen, Gelassenheit statt Panik. Und möge Pashupatinath Nepal beschützen.

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help to help Nepal leistet mit dem MedicalCare Center in Tanahun (in Zentralnepal) eine sehr wertvolle Aufgabe in der aktuellen Krise. Der zur Krankenstation gehörige Krankenwagen wurde von der Regierung auf Abruf gestellt, ist ständig auf Achse und bringt Leute in die nächstgelegenen Krankenhäuser. Das wirkt sich entsprechend aus auf den Treibstoffverbrauch und den Verschleiß am Wagen. Gesucht werden Projektpaten die den Krankenwagen langfristig unterstützen. Aber auch eine einmalige Spende hilft in der akuten Krise.

 

▸ Projekt "MedicalCare Center Satrasaya"

Jetzt spenden oder Projektpate für die Ambulanz werden

 

Zur Autorin:

Caro lebt mehrere Monate im Jahr in Kathmandu und unterstützt help to help ehrenamtlich im Bereich Kommunikation. Als ortsunabhängige Freiberuflerin freut sie sich über die Gelegenheit, Einblicke in das faszinierende Land Nepal zu bekommen und hat sich schwer verliebt in seine landschaftliche Schönheit, die reiche Kultur und die Herzlichkeit der Menschen. Aber sie sieht auch täglich, in wie vielen Bereichen dieses Land noch zu kämpfen hat, vor allem bei den Bereichen Bildung, Gesundheitsversorgung und Gleichberechtigung der Geschlechter.